Davide und Barbara

Die Geschichte des Zitrusbauernhofes von Barbara und Davide

(Aus der Serie: Quälerei und Ekstase…)

Der Untertitel möchte die etwa dreißig Jahre der Hoffnungen und Enttäuschungen beschreiben aber auch der Zufriedenheit, die mich (Barbara Picciolo) und später meinen Sohn (Davide Midgley) mit unserem Hof „Palme“ verbindet. Der Hof umfasst 7 Hektar und befindet sich wenige nur wenige Kilometer von den heruntergekommenen Außenbezirken der Stadt Catania entfernt. 

Der Hof gehörte meiner Großmutter und ich begann vor etwa 30 Jahren zusammen mit meinen Cousins mich um diesen zu kümmern. Es waren schlecht angelegte Zitrushaine, die von meinem Großvater auf etwas feudale Weise bewirtschaftet wurden. Deshalb versuchten wir jungen Leute, mit Hilfe unserer Eltern, durch Modernisierungen und gleichzeitiges Sparen aus den tiefroten Zahlen der Hofbilanz zu entkommen. 

Ich verstand nichts von dieser Arbeit, ich kam aus der Stadt und die Landwirtschaft war die letzte Chance, meinem Leben eine Perspektive zu geben.  Ich war rebellisch, aber unbeständig. Ich war der Protestler der Familie, aber ich hatte nichts für eine andere mögliche Welt gesät. Die Erde hat mich auf therapeutische Weise vor einem tiefen Unwohlsein bewahrt, in das ich versunken war.

Damals wurde die Landwirtschaft konventionell betrieben, allem wurde mit synthetischer Chemie begegnet. Der Markt begann Jahr für Jahr, die Produzenten mit immer niedrigeren und niedrigeren Preisen zu erwürgen, mit skrupellosen Händlern, mit denen wir jungen Menschen erschöpfende Verhandlungen führen mussten. Diese waren wie ein Theater, das immer damit endete, dass wir nachgaben, um nicht die gesamte Produktion zu verlieren.

In der Zwischenzeit lernte ich Peter Midgley kennen, einen langjährigen englischen Kapitän, der, nachdem er das Meeresleben aufgegeben hatte, beschloss, in Sizilien zu bleiben und eine Familie mit mir zu gründen. Eine Geschichte, die schön und tiefgreifend war. Wir lebten auf dem Land, mit sehr wenig Geld, aber vielen Freunden.

Zu diesem Zeitpunkt trafen wir die sizilianische Koordinierung für ökologischen Landbau, was ein sehr wichtiger Wendepunkt war. Wir kamen aus der Isolation der vielen betrieblichen Probleme heraus und erkannten, dass so wie wir uns auf natürliche Weise zu heilen und zu ernähren versuchten, wir auf dieselbe Weise unsere Erde behandeln und ernähren müssen. 

Es herrschte ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zwischen all den „Pionieren“, die von nahezu allen für verrückt erklärt wurden. Mit diesen besuchten wir viele Höfe in Sizilien, um zu diskutieren, was es mit „biologisch“ auf sich hat, um Erfahrungen auszutauschen und mit neuen landwirtschaftlichen Praktiken zu experimentieren. Tolle Bio-Suppen und gute sizilianische Weine begleiteten unsere Treffen. Es gab zu dieser Zeit noch keine EU Subventionen, sodass jeder, der biologisch arbeitete dies aus seiner Lebenseinstellung heraus für sich entschied. 

Diese Lebensentscheidung wurde von meinen Cousins nicht geteilt, also teilten wir den Hof in zwei Hälften und ich fuhr allein fort. Und leider wirklich allein, weil Peter, mein Mann, im Juli 1988 mit 32 Jahren an einem schweren Tumor starb. Aber er hinterließ mir ein schönes Geschenk, denn im Dezember wurde Davide geboren.

Nachdem ich ein Jahr lang mit meinem Kind auf dem Land gelebt hatte, erlitten wir einen Raub, der uns zwang, in die Stadt zurückzukehren. Lange Zeit fühlte ich Wut und Frustration, dann konnte ich etwas loslassen und beschloss, den Hof zur Förderung des ökologischen Landbaus zu nutzen, eine Zeitlang auch biodynamisch.

Nino ist eine wichtige Person für uns gewesen, ein loyaler Mitarbeiter, der leidenschaftlich seiner Arbeit nachgeht und in dieser schwierigen Zeit seine ganze Energie eingesetzt hat. 

Ein weiterer wichtiger Schritt bestand darin, zu lernen, einen Teil meiner Orangen direkt an eine Bio Kooperative in Varese, L’Ortus, zu verschicken. Dies war die erste Erfahrung einer menschlichen Art, ein Produkt zu verkaufen, ohne endlose Verhandlungen, sondern vielmehr ein Verhältnis gegenseitigen Respekts herzustellen. Zum ersten Mal sagte jemand, dass meine Orangen wirklich gut seien!

In der Zwischenzeit folgten die Diebstähle aufeinander und im Laufe der Jahre wurden uns praktisch alle Werkzeuge und Maschinen gestohlen, wir haben diverse Fälle von Vandalismus und Einschüchterung erlebt, es war schwierig die Zukunft zu planen. 

Die Stadt entwickelte sich weiter, es lag das Gerücht von Enteignung in der Luft, was sich glücklicherweise nicht bewahrheitete. 

Davide, mein Sohn, wuchs „wild“ auf und folgte mir von klein auf bei den schönen Aktivtäten auf dem Land und lernte, das Land und die Natur zu lieben. Dieser Kontakt mit der Freiheit und der ländlichen Umwelt hat dazu geführt, dass er seit der Grundschule eine bemerkenswerte Intoleranz gegenüber den schulischen Einrichtungen gezeigt hat. Im Laufe der Schulzeit wurde ihm zunehmend bewusst, wie unzureichend das derzeitige Schulsystem ist, um das Potenzial der Jugend zu fördern. Nach dem Abitur lebte er 2 Jahre in Florenz und nach einem Versuch, sich an der Agraria einzuschreiben, was seine Abneigung bestätigte, entschied er, dass er es vorzog, direkt auf dem Feld zu lernen und dort eigenständig zu lernen und zu vertiefen. 

Die Gründung des Konsortiums LeGallineFelici hat ihn sicherlich sehr ermutigt. Diese Erfahrung hat vielen Menschen die Hoffnung zurückgegeben, die vom aktuellen Zustand der Verlassenheit der Landwirtschaft in unserem Land entmutigt waren. Sich zusammenzutun ist die einzige Alternative, auch wenn dies in Sizilien eine schwierige Aufgabe ist, da hier jeder dazu neigt eher an sich selbst zu denken.

„LeGallineFelici“ ist das Ergebnis der weitsichtigen und ich würde sogar sagen aufgeklärten Vision von Roberto Li Calzi, ein lieber brüderlicher Freund aus der Zeit von Lotta Continua*. Dort haben wir uns in den 70er Jahren getroffen und dann wiedergefunden, um das Land zu kultivieren.
(*Lotta Continua: dt. ständiger Kampf; eine außerparlamentarische Gruppe der italienischen Linken, die im Zusammenhang mit der Studentenbewegung im Herbst 1969 entstanden war.)

An diesem Projekt haben sich viele andere Landwirte beteiligt, im Geiste der Zusammenarbeit und des Respekts für die Erde und alle Beteiligten. Es atmet sich eine schöne Luft unter uns und auch zusammen mit den Einkaufsgruppen, die unsere Bemühungen zu schätzen wissen. Der Kraftaufwand ist hoch aber die Ergebnisse ermutigen uns, nicht aufzugeben.

Davide hat an vielen Messen und Versammlungen auf Plätzen teilgenommen und hat verstanden, dass dieses Umfeld eines der wenigen ist, das einem Jugendlichen die Möglichkeit bietet „menschlich“ zu arbeiten und sich als Teil einer schönen Gemeinschaft zu fühlen. Mittlerweile ist er an der Konfektionierung der Paletten beteiligt und leistet mir wichtige IT-Hilfe. In der Zeit, in der wir keine Orangen mehr versenden, arbeitet er auf dem Land. 

Seit einem Jahr lebt auf unserem Betrieb eine Familie, was zu größerer Wachsamkeit und Sicherheit beitragen soll. Es ist jedoch nicht sicher, ob es nicht doch wieder Probleme geben wird, denn das Land steht in einem Kontext von Elend und Erniedrigung. Und manchmal, um etwas Eisen zu verkaufen, zerstören sie deine lebenswichtige Ausrüstung. 

2012 bestätigte die düsteren Schatten der „Maia Prophezeiung“… Sowohl für das Konsortium wie auch für viele seiner Betriebe war es ein hartes Jahr. Ein Lastwagen der Hühner ist umgekippt und alle Produkte waren zerstört. Streik und Schnee haben den Transport blockiert. Alle Elemente waren erbost: Regen, Wind und der heftigste Hagelsturm in menschlicher Erinnerung, gefolgt von 2 Tagen mit Zyklonen, zu denen Sommerbrände hinzukamen. Schließlich ging die Riela in Konkurs, ein von der Mafia beschlagnahmtes Transportunternehmen, mit der wir die Food Coops belieferten. 

Unser Hof war nicht wiederzuerkennen, die Pflanzen waren zu Skeletten reduziert und unsere zukünftige Produktion war gefährdet. Wir haben darauf reagiert, indem wir 600 neue Orangenpflanzen gepflanzt haben und uns um die verbleibenden Pflanzen kümmerten, die zum Glück wieder gediehen.

Wir haben Vertrauen in die Zukunft und hoffen, dass diese und andere gute Praktiken des Wandels immer einen größeren Einfluss auf das soziale Gefüge haben werden, mit dem Ziel, "Glück" für den Menschen zu erreichen.